Saalschutz

Saalschutz? Muss man die kennen?

Müssen muss man gar nichts. Aber wer das Duo – bestehend aus Flumroc und M T Dancefloor – schon mal gesehen hat, ist bestimmt um die Erfahrung eines energetischen und schweisstreibenden Konzertabends reicher. Saalschutz bieten Live-Elektronik, die diesen Namen auch verdient: Die Laptops bleiben schön zu Hause und man hämmert auf Samplern, Synthesizern und weiss der Geier was sonst noch alles rum, während Texte auf Deutsch, Englisch, Französisch und Schweizerdeutsch in die tobende Menge gesungen werden. Sehr verehrte Damen und Herren: Wir haben es hier mit einer Band zu tun, die immer wieder um ihr Leben spielt. Die Möglichkeit des Scheiterns wird nicht getilgt, sondern zelebriert und der Human Factor, der Geist in der Maschine, beschworen und auf die Welt losgelassen.

Für Saalschutz bedeutet Live also Sampler, Synthesizer und Gesang. 2001 gegründet, um die Laptoplangeweile aus Zürich zu vertreiben, haben sie heute ganz offensichtlich mehr zu tun, denn je. Sie wollten nie und werden nie klingen, wie die und die Band. Wollten nie die Justice – oder wie sie alle heissen – der Schweiz sein. Von Anfang an arbeiteten Saalschutz an einem eigenen Sound und einem eigenen Konzept, das manchmal seltsam anachronistisch anmutet, aber doch immer wieder funktioniert: Weil die Band sich stetig weiter entwickelte, exzessiv Geräte durchprobierte und austauschte, sich soundmässig öffnete und – am wichtigsten – das vorhandene Songmaterial immer und immer wieder gründlich überarbeitete. Ja, vielleicht sind sie sogar Nerds, obwohl sie es immer abstreiten.

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Und während die Baschis, Stresses und sonstige Swiss Music Award-Cüpli-Musiker die Spalten der Gratiszeitungen mit ihren Auslandplänen füllen, haben Flumroc und MTDF das Feld schon längst von hinten – oder unten – aufgerollt: Hierzulande ein nachhaltig erfrischender Geheimtipp, eroberten sie innerhalb der Jahre die ganz kleinen und ganz grossen Bühnen Deutschlands, Schritt für Schritt und ohne grossen Promoaufwand. Vorläufige Höhepunkte sind bestimmt das Melt Opening 2010 vor 3500 Feierwütigen oder das Konzert als Vorband von The Chemical Brothers auf der Sonne Mond Sterne Mainstage 2011. Weiter spielten sie in Österreich, Holland, Tschechien und Serbien. Nicht selten enden die Auftritte in einer ausgelassenen Fete von Band und Publikum auf der Bühne. Oder man widmet sich dem gepflegten Abhängen an der Bar.

Gegen 500 Konzerte und literweise Blut, Schweiss, Tränen, das Schleppen von Vintage Equipment, Stagedivingorgien mit Hirnerschütterung, ausgeschlagene Zähne, Polizeiinterventionen und das ganze Drum und Dran stählten die beiden selbsternannten Defenders of Disco Dancin‘ zu einem unzerstörbaren Elektro Pop Punk Panzer mit Melodien für die sprichwörtlichen Millionen und Texten von teilweise bodenloser Absurdität. Vielleicht sind Saalschutz kurz zusammengefasst einfach die Motörhead der europäischen Live Elektroszene. Und ja es ist klar, dass sie irgendwann als einziger ausländischer Act zum 2005 gegründeten Hamburger Label Audiolith gehörten. Hier fanden sie gute Freunde und Gleichgesinnte, mit denen man Spass haben und durch die Weltgeschichte Touren kann – und nebenbei die Musik als finanzielles Standbein etablieren, woran man 2001 noch nicht im entferntesten gedacht hatte.

Während Saalschutz früher v.a. an Technoparties die Raver und Raverinnen irritierten (aber immer mit Liebe zum Rave, das sei nicht vergessen), sind sie heute wohl eher als Pop- bzw. Rockband zu sehen. Einfach mit dem Unterschied, dass sie Synthesizer und Sampler statt Gitarren und Drums sprechen lassen. Man reiht nicht Track an Track sondern spielt Konzerte mit Songs, Ansagen und manchmal auch doofen Witzen und Schimpftiraden. Und so bewegen sich Saalschutz zwischen Stuhl und Bank. Ist das Techno/Elektro? Oder doch Pop? Oder Punk? Oder hat es da etwa Rap drin? Man weiss es nicht so genau. Aber der Beat hämmert und die Melodien bleiben im Ohr. Die Texte im Gehirn und in den Lachmuskeln.

Die selbst geschaffene Nische haben Saalschutz seit ihrer Anfangszeit mehrmals erweitert, gesprengt, auf den Kopf gestellt und sich stets selbst neu erfunden. Hierzulande hielt man den Ball Flach – wie geht das sonst, ohne Budget und mit einem ausgeprägten Schamgefühl was „Prominenz“ betrifft? Es gab bis vor einem Jahr nicht mal offizielle Pressefotos der beiden, ausser etwa anonym in Roboterkostümen. Oder man fotografierte das Equipment oder stellte andere Leute vor die Kamera.

In der Zwischenzeit loben im Ausland Spex, Intro und andere Fachzeitschriften die beiden Headliner der Herzen aus dem kleinen Nachbarland in den Himmel und preisen sie als Erneurer und Erfinder einer ganzen Subkultur an, die zahlreiche Bands nachziehen liess. Und selbst John Peel selig war von Saalschutz beeindruckt und spielte früher die heute immer noch beliebte Kunstraub-Hymne „Leererer, inhaltsloserer Ausdruck“ in seiner legendären Show auf BBC Radio 1 rauf und runter.

Um die eingangs gestellte Frage zu beantworten: Saalschutz muss man nicht kennen. Aber besser ist es auf jeden Fall.

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